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IT-Sicherheit 23. Februar 2024

Rechenzentren vor Blackout schützen

Wie sind Rechenzentren mit ihren hohen 24/7-Lasten vor langanhaltenden überregionalen Blackouts geschützt? Reicht die Vorsorge? Und worauf sollten Kunden achten?

Das Rechenzentrum „NBG6“ von Noris Network in Nürnberg verfügt über die TÜV TSI L4 Zertifizierung und sei damit das ausfallsicherste kommerzielle Colocation-Rechenzentrum in Deutschland, so das Unternehmen.
Das Rechenzentrum „NBG6“ von Noris Network in Nürnberg verfügt über die TÜV TSI L4 Zertifizierung und sei damit das ausfallsicherste kommerzielle Colocation-Rechenzentrum in Deutschland, so das Unternehmen.

Die Welt wird immer digitaler, und damit abhängiger von Strom. Ein überregionaler und länger andauernder Stromausfall, auch als Blackout bezeichnet, ist die Achillesferse bei der immer digitaler und damit abhängiger von Strom, werdenden Welt. Ein hoher Vorsorgegrad ist daher gerade für Rechenzentren elementar, schließlich laufen hier Daten für alle erdenklichen digitalen Prozesse zusammen. „Versorgungssicherheit ist unser Geschäftsmodell. Es ist der Grund, warum Kunden IT-Infrastrukturen an externe Rechenzentren outsourcen“, erklärt Jens Peter Müller, Vorstands- und Gründungsmitglied der German Datacenter Association, warum ein enormes Engagement schon im Eigeninteresse liegt. Auch Kilian Wagner, Referent für nachhaltige digitale Infrastrukturen beim Verband Bitkom, betont: „Die Rechenzentrumsbetreiber unternehmen große Anstrengungen, um die Hochverfügbarkeit auch bei einem längeren Stromausfall zu sichern – und das nicht erst seit der Diskussion um mögliche Stromengpässe infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine.“ Konkret bedeutet das: „Die meisten Rechenzentren verfügen über zwei voneinander unabhängige Versorgungssysteme. Bei einem Stromausfall können sie dadurch autark weiterbetrieben werden, klassischerweise zunächst über Batterien und danach mit Dieselgeneratoren. Einige Betreiber unterhalten zudem Prioritätsverträge für die Zulieferung von weiterem Diesel.“

Blackout wahrscheinlicher geworden

Was zunächst ebenfalls beruhigend klingt: Deutschland hat eine bis dato sehr sichere Stromversorgung, auch im internationalen Vergleich. Die durchschnittliche Nichtverfügbarkeit von Elektrizität lag im Jahr 2022 bei 12,2 Minuten je Letztverbraucher, meldet die Bundesnetzagentur. Entwarnung? Ein klares Nein. Aus Sicht von Herbert Saurugg, der u.a. Präsident der Gesellschaft für Krisenvorsorge (GfKV) ist und einen umfangreichen Fachblog auf der Website www.saurugg.net betreibt, ist ein Blackout wahrscheinlicher geworden.

Der Hintergrund: Das europäische Verbundsystem der Stromversorgung wurde auf Basis gut berechen- und steuerbarer Großkraftwerke konzipiert. Aufgrund der Energiewende werden diese nun durch Millionen neuer Kleinanlagen ersetzt, die noch dazu bei der Stromproduktion kaum steuerbar sind, da der Wind ebenso wenig konstant bläst wie die Sonne gleichmäßig scheint. Dadurch wird es immer anspruchsvoller, die erforderliche Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch (in Europa ist die Frequenz von 50 Hertz der Indikator) zu halten. Extremwetterlagen, Erdbeben, Cyber-Angriffe oder kriegerische Handlungen setzen die Liste der Gefahren fort. Hinzukommt: „Der Strombedarf wird in den nächsten Jahren durch die zunehmende Anzahl von E-Autos, Wärmepumpen, Klimageräten und die voranschreitende Digitalisierung nochmals deutlich ansteigen und die Infrastruktur massiv unter Druck setzen“, prognostiziert Herbert Saurugg. Zwar bescheinigt er den europäischen Übertragungsnetzbetreibern „eine hervorragende Arbeit“, weiß aber, dass man mittlerweile alle Hände voll zu tun hat, um einen Kollaps zu vermeiden: „Während vor rund 20 Jahren eine einstellige Zahl kritischer Eingriffe im Jahr üblich war, waren es Anfang Januar 2024 knapp 200 an einem einzigen Tag. 2023 gab es über 15.000 sogenannte Redispatch-Maßnahmen.“ Jens Peter Müller (German Datacenter Association und im Hauptberuf Country Manager Germany bei Iron Mountain Data Centers) bereitet die Energiewende noch die wenigsten Sorgen. „Hier lernen die Übertragungsnetzbetreiber jeden Tag dazu. Als gefährlicher erachte ich es, dass wir auf nationale Energiekrisen nicht ausreichend vorbereitet sind. Da muss der Bund ran, wobei ich bei der deutschen Politik leider noch nicht die nötige Einsicht erkenne.“

Notstromdiesel-Generator bei Noris Network mit 16 Zylindern, 16 Litern Hubraum und vier Turboladern.
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Herbert Saurugg macht deutlich: „Auf einen weitreichenden Stromausfall würde in kurzer Zeit ein Infrastruktur- und Versorgungsausfall folgen.“ Telekommunikation (Mobilfunk, Festnetz, Internet), Finanzsystem, Verkehr und Versorgungslogistik wären schnell „lahmgelegt“ und 14 Tage Notbetrieb kein unrealistisches Szenario. Dr. Béla Waldhauer, CEO des Rechenzentrums-Betreibers Telehouse Deutschland, drückt es so aus: „Bei einem echten Blackout wird es andere Probleme geben als den Betrieb eines Rechenzentrums.“ Dennoch fordert auch er eine bessere Unterstützung von der Bundesregierung beziehungsweise den kommunalen Behörden: „Telehouse gehört zur kritischen Infrastruktur, aber im Notfall ist uns bisher keine bevorzugte Belieferung von Diesel/Heizöl zugesichert. Das muss sich in Zukunft ändern.“ Ein Sprecher der Bundesnetzagentur bestätigt: „Gesetzliche Regelungen zur Notfallversorgung von Rechenzentren mit Elektrizität gibt es nach unserer Kenntnis nicht. Das Bundesministerium des Innern und für Heimat wird jedoch künftig zur Umsetzung der Richtlinie (EU) 2022/2557 und zur Stärkung der Resilienz von Betreibern kritischer Anlagen (Kritis-Dachgesetz) Vorgaben festlegen.“

Handlungsbedarf bei Rechenzentren

Herbert Saurugg sieht jedoch auch weiteren Handlungsbedarf bei den Rechenzentren selbst. „Es sollten Priorisierungs-, Rationierungs- und Abschaltpläne für den Fall vorhanden sein, dass die Treibstoffmenge nicht ausreicht. Dann ist es erforderlich, gezielt und rechtzeitig zu reduzieren, um die kritischen Kernsysteme so lange wie möglich laufen lassen zu können. Außerdem sind periodische Tests der Notstromversorgung über einen längeren Zeitraum als nur wenige Stunden wichtig, die meiner Kenntnis nach kaum durchgeführt werden. Diese sollten unter realitätsnahen Bedingungen, das heißt mit der tatsächlichen Trennung vom Netz und der Übernahme der Last, erfolgen. Erst im letzten Jahr sind zwei große Cloud-Anbieter daran gescheitert.“ Auf der Vorsorge-Liste sollte zudem die Bevorratung von kritischen Ersatzteilen stehen sowie die Einbindung der Mitarbeitenden, damit diese im Fall der Fälle überhaupt zur Arbeit kommen und die Systeme am Laufen halten können, wenn nicht mehr alles autonom funktioniert. Last, but not least empfiehlt es sich, die Kunden zu informieren und aufzuklären: „Womit können diese rechnen und womit nicht? Das hat im Idealfall zur Folge, dass sie selbst Vorkehrungen treffen. Ein Blackout lässt sich nur gesamtgesellschaftlich bewältigen, alle müssen ihre Hausaufgaben machen“, mahnt Herbert Saurugg an.

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