Der gesamte Bau des Büro- und Laborkomplex SkyAngle  ist im Passivhausstandard entstanden.
Foto: Thilo Ross
Der gesamte Bau des Büro- und Laborkomplex Skyangle ist im Passivhausstandard entstanden.

Brandschutz

Effektiver Brandschutz trotz hochflexibler Nutzung

Welche besonderen Anforderungen an die Sicherheit und den Brandschutz das nutzungsneutrale Konzept des Büro- und Laborkomplex Skyangle stellt.

Moderne Büro- und Laborgebäude sind längst nicht mehr reine Komplexe mit einer starren Anzahl an Räumen für die Mitarbeiter. Häufig sind solche Gebäude so errichtet, dass Mieter die verfügbaren Flächen individuell nach ihren Anforderungen gestalten. Dies erfordert allerdings eine vorausschauende Brandschutzplanung.

Die Bahnstadt in Heidelberg ist ein Vorzeigeprojekt in Sachen Stadtentwicklung und Architektur. Auf 116 Hektar sind auf dem Gelände eines früheren Güterbahnhofs seit 2012 Wohnungen, Arbeitsplätze und Einkaufsmöglichkeiten im Passivhaus-Standard errichtet worden. Der Wohnraum ist für bis zu 6.800 Menschen ausgelegt und weitere 6.000 können dort arbeiten. Ein ins Auge stechendes Objekt für Arbeitsplätze ist der Büro- und Laborkomplex Skyangle, mit dessen Bau 2016 begonnen worden war und der 2020 fertiggestellt worden ist.

Modernes Raumnutzungskonzept schafft Flexibilität

Das Gebäude besticht nicht nur durch sein architektonisches Äußeres, sondern auch durch ein modernes Raumnutzungskonzept auf rund 16.000 mFläche samt eigener Tiefgarage. Eine Besonderheit ist, dass das Skyangle nutzungsneutral konzipiert worden ist, sodass die Mieter festlegen können, ob sie Labore, Büros oder eine Kombination aus beidem nutzen wollen. Dies wiederum stellt bestimmte Anforderungen an die Sicherheit und den Brandschutz, die bei der Planung zu berücksichtigen gewesen sind. Im Ausbau wurde der Großteil des dritten Obergeschosses für zwei Mieter mit Laborbereichen ausgestattet. Die restlichen Flächen im Gebäude beherbergen, neben einem Bäckerei Café im Erdgeschoss, ausschließlich Büroflächen.

Das Gebäude verfügt über ein Untergeschoss mit Tiefgarage, fünf oberirdische Geschosse mit Büro‐ und Labornutzung sowie ein Technikgeschoss als Staffelgeschoss (Grundfläche ist kleiner als die des Geschosses darunter). Mit einer Fußbodenhöhe des höchsten Geschosses mit Aufenthaltsräumen bei circa 16,70 Metern) und der Größe und Anzahl der Nutzungseinheiten fällt das Gebäude gemäß § 38 Abs. 2 der Landesbauordnung Baden‐Württemberg in die Gebäudeklasse 5. Die repräsentative Lobby soll nicht für Versammlungen gemäß Versammlungsstättenverordnung (VStättVO) mit einer Personenzahl über 200 genutzt werden, weshalb hier die Verordnung für die brandschutztechnische Beurteilung nicht relevant ist. Der Eigentümer ist aber verpflichtet, die Einhaltung der höchstzulässigen Besucherzahl von 200 Personen in der Lobby durch organisatorische Maßnahmen durchzusetzen.

Große Flexibilität und hohe bauliche Sicherheit

Grundsätzlich ist das Objekt in vier Brandabschnitte unterteilt, wobei die Tiefgarage im Untergeschoss als geschlossene Großgarage als eigenständiger Brand‐ und Rauchabschnitt bewertet wird. Das flexible Raumkonzept der Obergeschosse sieht vor, dass der Innenausbau individuell nach den jeweiligen Mieteranforderungen erstellt werden kann. Während die Brandabschnitte selbst durch Brandwände baulich voneinander getrennt sind, sind die Trennwände der Nutzungseinheiten als tragende Wände ausgeführt und müssen mindestens feuerhemmend sein. Die Treppenhäuser sind durch Brandwände geschützt. Eine Besonderheit stellt die Lobby im Erdgeschoss dar, da hier die Brandabschnittstrennung baulich unterbrochen wird. Da diese nicht im Sinne der VStättVO genutzt wird und als brandlastarm gilt, reicht es hier, die Wände zu den Nutzungseinheiten feuerbeständig aus nichtbrennbaren Baustoffen auszuführen. Die Zugänge zu den Treppenhäusern sind hier und in den anderen Geschossen durch feuerhemmende, rauchdichte und selbstschließende Türen (T30) gesichert. Die Türen zwischen den Brandabschnitten wiesen die Widerstandklasse T90 auf. Dort wo notwendig, sind Brandwände im Bereich des notwendigen Treppenraums (frei von Brandlasten) über eine Brandschutzverglasung F 30 weitergeführt. Damit soll ein Brandüberschlag an der Fassade verhindert werden, der bei Gebäudeinnenecken von weniger als 120 Grad ein Risiko darstellt.

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Die großzügige Lobby wird wie der Erst des Gebäudes von Brandmeldern überwacht.
Foto: Thilo Ross
Die großzügige Lobby wird wie der Erst des Gebäudes von Brandmeldern überwacht.

Anlagentechnischer Brandschutz auf Höhe der Zeit

Die variablen großräumigen Brandabschnitte erfordern eine Brandmeldeanlage der Kategorie 1 (Vollschutz) einschließlich einer internen Alarmierung in den oberirdischen Geschossen. Die Tiefgarage ist an das System angeschlossen. Da die Garage mit knapp 3.400 m2 als eigener Rauchabschnitt zählt und dieser damit größer als die der Garagenverordnung zulässigen 2.500 mist, wird diese mittels Sensorkabel zur Branddetektion überwacht. Das übrige Gebäude ist vollflächig mit Rauchwarnmeldern überwacht. Etwa 400 Melder, davon an die 70 Multisensormelder sind installiert und an zwei Brandmeldezentralen von Esser angeschlossen. Die Brandmeldeanlage ist auf die Brandmeldeempfangsanlage der Feuerwehrleitstelle Heidelberg aufzuschalten (Fernalarm). Eine Sprinkleranlage und eine Löschwasserbevorratung gibt es nicht. Das Gebäude verfügt jedoch über eine Löschwassereinspeisung im Bereich der Hofzufahrt. Die Feuerwehr hat sich zudem für trockene Steigleitungen mit Entnahmestellen an den notwendigen Treppenräumen und Einspeisestellen an der Außenfassade ausgesprochen. Im Gebäude auf den Geschossen Feuerlöscher für alle Nutzungseinheiten zugänglich verteilt.

Bereiche mit erhöhter Brandgefahr

„Bereiche mit erhöhter Brandgefährdung oder technisch besonders sensible Bereiche verfügen über zusätzliche CO2-Feuerlöscher“, erklärt ein Vertreter der Skylabs Development & Construction GmbH. Im Außenbereich des Technikgeschosses West ist ein Diesel-Notstromaggregat positioniert. Alle zentralen sicherheitstechnischen Einrichtungen sind per Notstrom versorgt, um ihren mindesterforderlichen Funktionserhalt zu garantieren (Kasten). Innerhalb der Labore sind für die Lagerung und Aufbewahrung von Gefahrstoffen Gefahrstoffschränke als Sicherheitsräume eingebracht worden. Diese gelten als F90 Räume und sind an eine separate 24-Stunden-Abluft angeschlossen. Die Räume in denen Gefahrstoffe gelagert und aufbewahrt werden sind zudem in den Feuerwehrlaufkarten kenntlich gemacht, damit eine korrekte Gefährdungsbeurteilung der Einsatzkräfte im Brandfall gesichert ist.

In komplexen Gebäuden, in denen für Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst aufgrund der baulichen Gegebenheiten keine Funkkommunikation von innen nach außen möglich ist, können zusätzliche Gebäudefunksysteme notwendig sein. Eine Messung im Vorfeld hatte ergeben, dass eine ausreichende Funkversorgung des Gebäudes vom Anlaufpunkt der Feuerwehr nicht gewährleistet ist. Die Installation eines BOS-zugelassenen Funksystems war somit zwingend. Dadurch ist nun im gesamten Gebäude eine Verständigung der Einsatzkräfte untereinander möglich. Die Aktivierung der Anlage erfolgt je nach Anforderung automatisch über eine Brandmeldeanlage oder manuell über die Feuerwehr.

Ausreichend Flucht- und Evakuierungsmöglichkeiten

Die Organisation der Evakuierung im Ernstfall liegt im Verantwortungsbereich des Arbeitgebers. Insofern hat jeder der neun Mieter seine eigenen Vorkehrungen zu treffen, seine Mitarbeiter im Ernstfall aus dem Gebäude zu evakuieren. Da das Vermietungskonzept verschiedengroße Nutzungseinheiten zulässt, sind auch die Anzahl und Gestaltung der Rettungswege davon abhängig. Große Einheiten sind baulich immer an zwei Rettungswege angeschlossen (Treppenhäuser). Bei kleineren Nutzungseinheiten ist je nach Ausführung in den Eckbereichen des Gebäudes nur der Zugang zu einem Treppenhaus vorhanden. Der vorgeschriebene zweite Rettungsweg wird dann über Rettungsgeräte der Feuerwehr bereitgestellt, was bedeutet, dass diese Brandabschnitte 400 mnicht überschreiten dürfen. Das flexible Raumkonzept erfordert auch, dass die Nutzungseinheiten trotz der maximalen Größe von etwa 917 mnicht immer überall über die notwendigen Flure verfügen. Dies wird ebenfalls über die flächendeckende Absicherung über die Rauchmelder kompensiert. Der Vermieter koordiniert gemeinsam mit seinem Facility Manager sowie den beteiligten Behörden und mieterseitig eingeweihten (Brandschutzbeauftragte) eine jährliche Evakuierungsübung. Der Vermieter hat den Mietern bei der Übergabe der Mietfläche an die jeweiligen Mieter alle diesbezüglich relevanten Informationen wie die Position des Sammelplatzes an diese weitergegeben.

Auch an den überwachten Zutritt gedacht

Das Gebäude verfügt über ein hauseigenes Zutrittskontroll- und Schließsystem. Der Zutritt in das Gebäude als auch in die Mietbereiche erfolgt in erster Linie über Identmedien, welche gruppenweise flexibel programmierbar sind. Zusätzlich verfügt jeder Zugang mit einer digitalen Zugangskontrolle über eine mechanische Schließung zur Gewährleistung des Zuganges im Ernstfall für die Feuerwehr. „Das digitale Schließsystem ist sowohl mit kabelgebundenen Zutrittskontroll-Elementen als auch mit kabellosen digitalen Türbeschlägen ausgestattet. Die digitalen Beschläge sind über Access-Point an die Gebäudeleittechnik angebunden und lassen sich zentral programmieren“, so Skylabs. Innerhalb der Laborbereiche ist der Zutritt in Bereiche mit erhöhtem Gefährdungspotential nur eingewiesenen Personen gestattet. Insofern gibt es hier seitens der Mieter organisierte Zutrittsbeschränkungen. Die Zugangskontrolle ist hier mieterabhängig mittels digitalen Türbeschlägen oder mechanischer Schließung geregelt.

Eine Videoüberwachungsanlage kontrolliert zudem die Bereiche, welche einen Zugang zum Gebäude bieten. Alle relevanten Gebäudezugänge und diverse Mieterzugangstüren sind ferner mit Kamerasprechstellen ausgestattet. Einige Mieter haben sich auch für den Einbau einer Einbruchmeldeanlage entschieden. Ergänzend zu den baulichen Maßnahmen überwacht das Gebäude ein Security Dienstleister mittels Schließ- und Revierdienst.

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Labore verfügen wegen möglicher Gefahrstoffe über zusätzliche brandschutztechnische Sicherungen.
Foto: Thilo Ross
Labore verfügen wegen möglicher Gefahrstoffe über zusätzliche brandschutztechnische Sicherungen.

Kompensatorische Lösungen und Maßnahmen

Dass moderne Büro- und Laborgebäude mit einem gewissen architektonischen Anspruch von den Bestimmungen der Bauordnungen und anderen Vorgaben abweichen, ist mittlerweile keine Seltenheit. Die Bauordnungen erlauben bei Sonderbauten im Einzelfall Erleichterungen, sofern die Sicherheit der Personen und Umwelt nicht gefährdet ist oder die Einhaltung von Vorschriften aufgrund besonderer Anforderungen nicht bedarf. Hier müssen dann kompensatorische Lösungen und Maßnahmen gefunden werden, um die Schutzziele zu verwirklichen, ohne das Gesamtkonzept eines Gebäudes zu beeinträchtigen, wie etwa eine flexible Nutzung von Flächen. Das Skyangle ist in seiner Gestaltung in Kombination mit einem modernen Brandschutz hierfür ein gelungenes Beispiel.

Hendrick Lehmann, freier Mitarbeiter des PROTECTOR.

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